DIE GESCHICHTE DES PORTEMONNAIES: WIE GELD DEN GELDBEUTEL FLACH MACHTE
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Heute sprechen wir über ein wichtiges Alltagsaccessoire, das sowohl Frauen als auch Männer bei sich tragen – das Portemonnaie. Wir wählen es fast so sorgfältig aus wie Schuhe oder eine Tasche: Es ist ständig in unserer Nähe, wandert dutzende Male am Tag in die Hand und verrät viel über den Geschmack seiner Besitzerin oder seines Besitzers. Minimalistisch oder vintage, glattes Leder oder griffige Struktur, strenges Schwarz oder eine mutige Farbe – das Portemonnaie lebt genau an der Schnittstelle von Stil und Zweckmäßigkeit. 1. Wozu braucht man überhaupt ein Portemonnaie?Ein Portemonnaie ist nicht nur ein Accessoire, sondern die Antwort auf eine praktische Aufgabe: Wert bei sich zu tragen, dessen Form sich über Jahrhunderte verändert hat. Solange Geld aus schweren Münzen bestand, reichten Beutel, Säckchen oder Gürteltaschen. Doch sobald Papiergeld in Umlauf kam, entstand ein neues Bedürfnis: flache, leicht zerknitternde Scheine so aufzubewahren, dass sie nicht einreißen, nicht schmutzig werden und nicht verloren gehen. Geld selbst ist dabei kein „magischer Gegenstand“, sondern eine soziale Vereinbarung: Eine Gesellschaft legt fest, was als Zahlungsmittel gilt – und genau diese Übereinkunft verleiht dem Geld seine Kaufkraft. Daraus folgt eine einfache Erkenntnis: Ändert sich das Geld, ändern sich auch die Arten, es zu transportieren. 2. Zuerst kam das Papier: die technische Grundlage späterer BanknotenDie Entstehung von Papiergeld hängt eng mit zwei Technologien zusammen: der Papierherstellung und dem Buch- bzw. Druckwesen. Die Chinesen entwickelten als Erste frühe Papierformen – darunter sogar „Seidenpapier“ aus den Kokons der Seidenraupe. Als Schlüsseljahr gilt 105 n. Chr.: Der chinesische Hofbeamte Cai Lun berichtete dem Kaiser über Verbesserungen in der Papierherstellung – dieses Datum wird oft als offizieller Beginn der Papiergeschichte in China genannt. Papier wurde zunächst zum Massenmedium für Texte – und später auch für Wert. Damit war der Boden für gedruckte Geldzeichen direkt bereitet. 3. China. Die ersten Papiergelder: als Münzen zu schwer wurdenEiner der wichtigsten Gründe für Papiergeld war die Unbequemlichkeit, Metall zu transportieren. Frühe chinesische Papiergelder hießen „fei-qian“ („fliegendes Geld“). So nannte man sie, weil sie unvergleichlich leichter als Münzen waren: Eine Schnur aus Metallmünzen konnte etwa 3 kg wiegen – während der Handel interregional wurde und Mobilität verlangte. In der Form ähnelten diese Gelder anfangs eher Schecks: Ein Händler in der Hauptstadt tauschte Münzen gegen eine schriftliche Quittung und erhielt die Münzen später in der Provinz – praktisch, sicherer und leichter.
1 – Papiergeld der Tang-Dynastie, 618–649 Unter der Song-Dynastie wurde Papieremission Teil der Staatspolitik. 1023 führten die Behörden ein staatliches Monopol auf die Ausgabe von Papiergeld ein: In Sichuan eröffnete ein Wechselamt, das „Jiaozi“ ausgab. Interessantes Detail: Die erste Emission war teilweise metallgedeckt – etwa 28%. Papiergeld machte also den Weg von der praktischen Quittung zum staatlichen Instrument – und wurde dadurch massenhafter und vertrauter. Massenhaftigkeit und Standardisierung verändern zwangsläufig auch die „Hülle“ um das Geld: Es entstehen gewohnte Formen des Aufbewahrens, Tragens und des Schutzes vor Abnutzung. In der chinesischen Tradition sah der „Geldbeutel vor dem Portemonnaie“ lange nicht wie ein klappbarer Etui aus, sondern wie ein kleines Säckchen am Gürtel – praktisch und zugleich dekorativ. Man trug es so, dass es „sichtbar“ war: Wie wir heute eine Tasche oder einen Gürtel auswählen, wählte man damals Stickerei, Form, Quasten und Anhänger. Und das Modischste daran: Das Accessoire entstand nicht aus Laune, sondern aus dem Alltag – Geld, Briefe, Dokumente und Kleinigkeiten bei sich zu tragen, ohne die Hände zu belegen. Am verbreitetsten war das hebao (荷包): ein kleiner bestickter Beutel mit Zugbändern, in dem man Kleingeld und andere wichtige Kleinigkeiten aufbewahrte – weil es in der Kleidung oft schlicht keine Taschen gab.
Detail aus der Rolle „北齐校书图“ (Szene der Buchprüfung): In der Reproduktion ist ein kleiner Gegenstand/Beutel am Gürtel der Figur zu erkennen. (In der Forschung wird die Rolle mit der Tradition von Yang Zihua in Verbindung gebracht; in einem Museumsartikel heißt es, das Werk befinde sich im Museum of Fine Arts, Boston.)
Für noch mehr Komfort nutzte man auch das dalian (褡裢) – einen langen, weichen Geldbeutel mit zwei Taschen an den Enden (im Grunde eine „Zwei-Taschen-Tasche“), den man am Gürtel oder über der Schulter tragen konnte.
Solche Formen nahmen auch Papiergeld leicht „auf“: Blätter konnte man genauso einfach falten und verstauen wie Münzen – nur sorgfältiger. Die ungefähre Größe der ersten Papiergelder entsprach etwa einer kleinen Handfläche oder einer kleinen Karte – rund 16 × 9 cm. Man rollte die Scheine oder faltete sie einmal und trug sie im Beutel. 4. Europa: wie „Papier“ zu Geld wurde – und warum man es falten mussteDie Chinesen hüteten die Technologie eifersüchtig: Das Geheimnis der Papierherstellung durfte nicht ins Ausland gelangen. Europa nutzte deshalb lange Zeit teures Pergament aus Tierhaut. Erst über die arabische Welt „sickerte“ Papier nach Westen: Bis zum 10. Jahrhundert gelangte es über Nordafrika nach Spanien, und 1151 eröffnete in Spanien die erste europäische Papierproduktion. Doch selbst dann wurde Papier nicht sofort akzeptiert: Religiöse Vorbehalte spielten eine Rolle, und päpstliche Geistliche behinderten die Verbreitung in der mittelalterlichen Gesellschaft – Papier galt als „aus der heidnischen Welt gekommen“. Ein erster Prototyp von Papiergeld erscheint in Europa deutlich später. Zunächst ist es nicht einmal eine „Banknote“, sondern ein Dokument. In Genua gab die Banco di San Giorgio (1407) Papiergeld aus – faktisch Bankverpflichtungen: auf erstes Verlangen einlösbar, der Nennwert wurde vom Einleger eingetragen, sie waren personalisiert, und bezahlen konnte man damit nur bei rechtlich formalisierter Transaktion. Das Format dieser „Gelder“ entsprach dem jedes Dokuments oder Briefes. Man faltete oder rollte es und bewahrte es zusammen mit anderen Papieren auf. Das Format wird im 17. Jahrhundert kleiner, mit dem Auftauchen von Anleihen und Kreditnoten unterschiedlicher Nennwerte. Papier ist nicht mehr nur Träger von Text – es wird Träger von Recht und Wert.
Anleihe der Niederländischen Ostindien-Kompanie, 1622–1623
Die ersten „Kredit-Taler“ (kreditivsedlar) erscheinen in Schweden 1656. Es handelte sich um zinsfreie Schuldscheine auf Metall, das in der Bank hinterlegt war; 1661 gelangen sie als Europas erstes Papiergeld in den Umlauf. Frühneuzeitliche europäische Banknoten waren fast handgroße Blätter. Eine erhaltene Ausgabe von 1666 misst 190 × 150 mm. Solche „Scheine“ faltete man selbstverständlich und bewahrte sie in Säcken, Truhen oder Reiseetuis auf.
Im 17. Jahrhundert nutzte man typischerweise:
– Deed box / Dokumentenkästen und Truhen: Für Schuldpapiere, Verträge, Hypotheken usw. verwendete man Holzkisten, oft mit Leder bezogen, sowie Kästen in Schränken und ausziehbare Aufbewahrungssysteme.
Dokumentenkasten
– Reiseetuis für Papiere (wenn man Dokumente transportieren musste): Es gab Lederetuis mit mehreren Fächern, die mit einer Seidenschnur verschlossen wurden – genau die Art von Gegenstand, in die man Papiere für eine Reise legen, falten oder rollen konnte.
– Schreib- und Reisekästchen: Bei Wohlhabenden und im Geschäftsleben lebten Dokumente oft zusammen mit Schreibutensilien – in tragbaren Schreibschatullen.
Beispiel (zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts): eine Reiseschreibschatulle mit Schreibfläche und Innenfächern. Schreibkasten, Frankreich, 1783 5. Der erste Prototyp des modernen Portemonnaies1789 bringt Frankreich die ersten Assignaten heraus – große Nennwerte von 200, 300 und 1000 Livres. Von der Form her sind es wieder fast Dokumente: Eine Assignate über 1000 Livres hatte z. B. eine Größe von 20,3 × 14,3 cm. Man konnte sie jedoch schon leichter falten und in einem Etui tragen (pocket book – ein klappbares Taschenetui). Im 18. und frühen 19. Jahrhundert war das pocket book nicht nur ein „Etui“, sondern ein beliebtes Accessoire für Männer und Frauen: dünn, flach, „wie ein Umschlag“, mit Klappen – das ideale Zuhause für Papier. Es wurde sowohl aus Stoff als auch aus Leder gefertigt. Darin bewahrte man alles auf, was den Tag geordnet machte: Geld, Briefe, Einkaufslisten. Getragen wurde es so, wie die Epoche es vorgab: bei Männern in der Tasche, bei Frauen im privaten Raum der Kleidung – einschließlich der angebundenen Taschen unter dem Rock.
Rijksmuseum – europäisches „portefeuille / brieventas“. (ca. 1790–1820): flaches „Portefeuille“ aus Karton, mit weißer Seide bezogen und bemalt; am Rand mit gedrehter Silberkordel/-draht eingefasst.
Im Kern ist das die Brücke zum modernen Portemonnaie: Solange Geld noch wie ein Papier-Versprechen aussieht und leicht knittert, antwortet die Mode ganz einfach – sie gibt ihm ein schönes, flaches, klappbares „Zuhause“ nah am Körper. Parallel „schrumpfen“ auch die Größen: Banknoten werden nach und nach kompakter – und mit ihnen wird auch ihr Etui kompakter. Anfang des 19. Jahrhunderts blieb das pocket book noch eine „Buchhülle“ für das gesamte Papierleben: Briefe, Notizen, Geld. Doch schon in der britischen Regency-Zeit (1811–1820, als der Prinz von Wales George als Prinzregent regierte) wird das Taschenformat deutlich „portemonnaieartiger“: Ein typisches pocket book ist etwa 8 × 13 cm groß, mit Klappe und Innenfächern für Briefe, Visitenkarten, Rezepte oder Banknoten.
Danach verändert sich die Gewohnheit: Briefe und Notizen führen ihr eigenes Leben, Papiergeld seines. Und es entsteht ein Gegenstand strikt für Scheine: das flache Faltportemonnaie, das billfold. Der Begriff wird im Englischen in den 1850ern belegt (frühes Zeugnis: 1858) als „faltbares Taschenetui für Papiergeld“.
Gleichzeitig musste man noch lange „falten“: Viele Banknoten des 19. Jahrhunderts blieben groß – etwa der berühmte englische white fiver war so groß, dass er nur gefaltet in die Tasche passte. 6. 1914: Der Krieg bricht das Gold – und macht Papier zum wichtigsten Träger des GeldesNach dem Zusammenbruch der Imperien und dem Ersten Weltkrieg „zieht“ das Geld endgültig in die Papierform um. Der Abschied vom Goldumlauf und die Kriegsinflation machen Banknoten massenhaft und alltäglich: Man muss sie oft, in größerer Menge und sicher bei sich tragen – nicht „feierlich“ als Schatz aufbewahren.
In den 1920ern entsteht eine neue Geldordnung: Gestürzte Monarchen (Souveräne) prägen nicht länger „ihre“ Münze, und eine Zentralbank – oder ein Zentralbanksystem nach dem Vorbild der Fed – wird zur Norm; die Ausgabe von Banknoten als verzinsliche Schuld wird durch private Unternehmen kontrolliert und standardisiert. Das bedeutet einen einzigen Emittenten, einheitliche Regeln und ein immer gleichförmigeres „Format“ des Bargelds. Genau in diesem Korridor von 1914 bis in die 1930er kristallisiert sich das vormoderne Portemonnaie heraus: das flache, klappbare billfold für Banknoten, zugeschnitten auf die Taschen des städtischen Anzugs. Als Banknoten selbst nach stabilen Standards hergestellt werden (in den USA: drastische Verkleinerung und Vereinheitlichung der Maße 1929), wird die Form eines „Taschen-Zuhauses für Papier“ offensichtlich – und massentauglich.
Später ändert sich nicht das Prinzip, sondern die Innenarchitektur: Die 1950er nach dem Krieg bringen die „Karten“-Struktur hinzu, doch die grundlegende Silhouette des modernen Portemonnaies entsteht genau hier – im Zeitalter der standardisierten Banknote und der zentralen Emission.
Und dennoch blieb das Portemonnaie nicht „rein utilitaristisch“. Sobald die Form sich stabilisierte, wurde es wieder das, was es schon zur Zeit der Pocket Books und Etuis war: ein Signal für Geschmack. Heute machen Designer daraus ein echtes Modeobjekt – spielen mit Maßstab und Proportionen, machen es fast zu Schmuck, ergänzen Ketten, Anhänger, ungewöhnliche Verschlüsse, plakative Monogramme und haptische Oberflächen.
Am Ende ist ein Portemonnaie nicht nur ein Gegenstand zum Tragen von Geld und Dokumenten, sondern erzählt die Geschichte seiner Besitzerin oder seines Besitzers – von Status, Charakter, Liebe zum Handwerk oder zu einer großen Marke. Und das ist vielleicht das beste Finale dieser Geschichte: Zahlungsmittel und Technologien haben sich verändert, aber der Wunsch, dem „Wertvollen“ ein schönes Zuhause zu geben, ist nie verschwunden. |

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